Einen der letzten schönen Spätsommerabende nutzte das letzte Fahrradkino der Saison für ein Stelldichein am Innsbrucker Sillzwickl. In der kleinen Kulturmetropole Innsbruck längst keine Seltenheit, beim Rad.Kino bat die Stadt im Sommer insgesamt schon viermal zum Strampeln für Strom. Organisiert vom Magistrat für Tiefbau – auch Zuständigkeiten können heute sehr divers sein. Gut so: Eine letzte Gelegenheit lasse ich mir ungern entgehen und strample in Jeans und Turnschuhen zum Treffpunkt.

“DOPING” VOM ALLERFEINSTEN

Im Herbst 1978 brüllt uns Freddy Mercury erstmals lautstark seine Liebe zum Fahrrad ins Ohr. Seitdem singen wir lautstark mit. Inspiriert hatte ihn die 18. Etappe der Tour de France, die in Barre-les-Alpes eben just dort vorbeiradelte wo Queen gerade ihr siebtes Studioalbum aufnahmen. Weil ich unterwegs zum Fahrradkino schon mit dem Schlimmsten rechne, singe ich ein bisschen falsch. Ich kenne Spinning ja nur vom Schauen und Staunen aus dem Fitnessstudio: Schreiend strampeln im Stroposkopgewitter. Menschen, die das mögen, nennt man korrekterweise Spinner. Ich stemme lieber Eisen und war vorher noch beim Beintraining – schlau war das auch nicht. Am Radweg an der Sill überholt mich pfeilschnell ein E-Futterkurier mit Thermorucksack. Er duftet köstlich. Ich hole auf und Freddy singt mit.

Wir erreichen den Sillzwickl zeitgleich, leider muss der Kurier weiter, aber ich bin jetzt richtig gut in Fahrt. Neben dem Radweg stehen Sitzgelegenheiten, fünf davon mit Sattel. Vier sind schon besetzt, nach Spinning sieht es nicht aus. Statt im ergonomischen Radldress macht man es sich in Freizeitkleidung gemütlich, radelt freihändig und mit Dosenbier im Flaschenhalter. Ich bin gewissermaßen erleichtert. Nach einer gründlichen 3G-Eingangskontrolle erhalte ich Flyer zum Kinoprogramm, eine Empfehlung an die Labstation (u.a. Radler) sowie eine kurze Einweisung ins Stromstrampeln. Dann sattle ich das letzte freie Stahlross, starte meine Smartwatch und steige in die Pedale. Der Dynamo schnurrt, das Display klettert auf 100 Watt Leistung und wenig später springt der Projektor an.

KRITISCHES KOPFKINO

Gezeigt werden drei kritische Beiträge zur Wasserkraft. Dass nur noch etwa 15 Prozent der Wildgewässer in Österreich naturbelassen sind, wusste ich nicht. Neben uns rauscht die Sill in den Inn, gezähmte Urgewalten. Organisiert vom WET – Wildwasser Erhalten Tirol, man setzt sich für entsprechende Umweltangelegenheiten ein und regt zum kritischen Denken an. Die Energiewende braucht Perspektiven, Selbstreflexion ist eine davon. Elektrische Bedürfnisse in greifbare Größen zu übersetzen kann so ein Fahrradkino sehr gut. Nach einer halben Stunde Strampeln und 300kcal später schmerzt das Sitzfleisch und ich lasse mich ablösen. Im Sattel merkt man übrigens kaum, dass die Nächte doch schon kühler werden, auch ein Vorteil. Ich hülle mich in eine der flauschigen Decken und frage mich, was meine elektrische Leistung sonst so antreiben könnte.

Auch als die Beiträge längst über die Leinwand geflimmert sind, läuft das Kopfkino weiter. Am Heimweg schiebe ich, das nächste Radlkino kommt bestimmt. Gemächlich wälzt sich der Inn durch die Nacht, funkelnd fängt er die Lichter der Stadt und scheint mir unterwegs zuzuzwinkern: Gezähmte Urgewalten unter sich.

Ähnliche Artikel