Zum Wandern lasse ich mich nie lange bitten. Kürzlich galt es bei Gries im Sellraintal ein besonderes unbekanntes Gustostückerl zu ersteigen: das Fotscher Windegg. Eine spektakuläre Gipfeltour, die Besitzer der Innsbrucker Welcome Card Plus (Gästekarte) sogar völlig kostenlos genießen dürfen. Und zwar inklusive Anreise ab Innsbruck, Bergwanderführer vor Ort, doppelter Almrast unterwegs und einem absolut atemberaubenden Ausblick von oben.

Morgengrauen: 574 m.

Das Morgengrauen ist für Morgenmuffel wie mich eine selbsterklärende Begrifflichkeit: Mir graut vorm Morgen. Doch wer wandern will, muss früh aufstehen. Weil die Wanderung Schlag Neun Uhr bei der Tourismus Information Gries im Sellrain startet, muss ich in Innsbruck (Seehöhe 574 Meter) schon eine Stunde früher los. Der Regionalbus ins Sellraintal rollt pünktlichst um fünf nach Acht Uhr in die Haltebucht am Innsbrucker Finanzamt, nach einem kurzen Kontrollblick des Fahrers darf ich mit gezückter Welcome Card und Schutzmaske zusteigen. Über Völs und Kematen geht’s Richtung Kühtai, kurz vorher zweigt das Sellraintal links ab. Bei der Tourismus Information Gries (Seehöhe 1.187 Meter) begrüßen mich um kurz vor neun Uhr dann die beiden Bergwanderführer Christine und Volker mit einem herzlichen Servus – und sicherheitshalber ohne Handschlag.

Sommersteig: 1.430 m.

Von der Tourismus Information Gries geht es dann aber erstmal noch ein Stück mit dem Auto ins kleinere Lüsental zum Startpunkt (Seehöhe 1.430 Meter) am Wanderparkplatz zur Juifenalm. Weil uns auf der Tour nur noch zwei deutsche Nordmenschen begleiten, kommt unsere fünfköpfige Fahrgemeinschaft im Kleinbus der beiden Wanderführer unter. Vor dem großen Infoboard mit Wanderkarte kommt dann sogar ganz kurz echtes Expeditionsfeeling auf, denn es werden Wanderstöcke gezückt, Stiefel streng geschnürt, Stirnbänder zurechtgerückt, alles dick mit Sonnenschutz einmassiert und sämtliche Tracking-Apps auf Sportuhren und Smartphones gestartet. Dann geht es sofort ziemlich steil und schön bergauf, denn wo Forstweg und Winterrodelbahn in gemütlichen Serpentinen aufsteigen, nimmt der malerische Sommersteig den direkten Weg durchs Dickicht.

Juifenalm: 2.022 m.

Unterwegs entführen uns die beiden Wanderkundigen in eine Welt abseits der üblichen Wege: verschlungene Pfade durch verwunschene Wälder, entlang eiskalter Gebirgsbäche und über üppige Almwiesen. Überall hängen noch Nebelschwaden, die sich unter den Strahlen der Sommersonne majestätisch über die Berge wälzen und zu imposanten Wolkentürmen stapeln. Die Luft schmeckt frisch, Tautropfen funkeln am Wegrand und über den Zirben kreisen ungewöhnlich viele Fichtenhäher. Sie haben gerade Hochsaison, verraten unsere Bergwanderführer, und verstecken unzählige Zirbensamen zwischen Steinen und Felsspalten. Im Winter werden sie davon nur noch einen Bruchteil unter der dicken Schneedecke wiederfinden – im Frühjahr dann wertvolle Forstarbeit für die Zirbenwälder. Auch über die unzähligen Pilze und Heilkräuter am Wegrand wissen die zwei Wald- und Wiesenprofis viel zu erzählen. Nach einer guten Stunde Aufstieg haben wir auf 2.022 Metern Seehöhe die schmucke Juifenalm erreicht und eine kleine Kaffeepause verdient. Der Gipfelsieg liegt nämlich immer noch vor uns.

Fotscher Windegg: 2.577 m.

 

Frisch gestärkt und äußerst motiviert (ich war beim hausgebrannten Zirbenschnaps schwach geworden) starten wir die Gipfeletappe unserer Wanderung. Oberhalb der Baumgrenze wird es spürbar wärmer und der grobe Glimmerschotter (der silbrige Anteil im Schiefergestein) blendet so hell, dass der schmale Wanderweg uns durch die Alpenrosen und Moosbeersträucher (Blaubeerbüsche) silbrig entgegenleuchtet. Überall begegnen uns unterwegs Almkühe, die hier erstaunlich agil durch das alpine Gelände steigen. Wir staunen auch über Pferde, die in weiter Ferne über Hochalmwiesen galoppieren. Nur die vielen Murmeltiere, die uns hier allerorts frech hinterherpfeifen, sind wahre Meister im Verstecken und wollen nicht gesehen werden. Dafür tanzen unzählige Schmetterlinge über die Wiesen, kleine Grashüpfer geben Akrobatikeinlagen und in der Luft kreisen seltene Vögel, die man in den Städten kaum wo kennt. Als wir den Gipfel des Fotscher Windeggs auf stolzen 2.577 Metern erreichen, haben die Wolken einem derart spektakulären Weitblick Platz gemacht, dass wir minutenlang schweigend staunen müssen.

„Marend“: 2.022 m.

Als „Marend“ bezeichnet man in Tirol eine traditionelle Jause. Die besteht üblicherweise aus Variationen von herzhaftem Bauernbrot, g’schmackigem Almkäse, deftigem Trockenfleisch (Speck, Wurzen), hartgekochten Freilandeiern und bunten Gemüsebeilagen nach Lust und Laune. Die beiden Bergwanderführer breiten ein fulminantes Festmahl aus, wir drei Anfänger haben außer ein paar Müsliriegeln natürlich nichts mit. Aber weil eine zünftige Jause am Gipfel einfach am besten schmeckt und wir unterwegs längst Freunde geworden sind, teilen Volker und Christine ihre Köstlichkeiten: Selbstgemachtes Roggensauerteigbrot, Ziegenkäse mit Schnittlauch, Cherrytomaten und Äpfel aus dem eigenen Garten. Selten haben ein paar Bissen Brot so herrlich geschmeckt wie hier oben, frei und wild und wunderbar.

Als wir uns wieder an den Abstieg zur Juifenalm wagen, will niemand zugeben, dass uns der steile Aufstieg doch ein wenig geschafft hat. Als „mittelschwer“ bezeichnet sich die rote Streckenführung der Wanderkarte, da wäre schon noch Luft nach oben also. Somit passt unsere heutige Tour immer noch in die Rubrik „Genusswanderung“, denn – mal ehrlich – wo hinterher kein Muskel brennt, war man eigentlich eh nur spazieren. Und weil die Hütte auch den Abstieg auf halber Höhe belohnt, kommt der Genuss auf dieser Wanderung sogar doppelt des Weges. In unserem Fall mit hausgemachtem Graukas und Alm-Mozzarella, Kaiserschmarren, Kaspressknödeln und Juifen-Zirbenschnaps (diesmal für alle). Danach sind wir heilfroh, dass es den Rest des Weges abwärts geht.

Herbstgold: 574 m.

Nach insgesamt über eintausend Höhenmetern je Richtung und mehreren Stunden landschaftsreicher Wanderung stehen wir um ziemlich genau Schlag fünf Uhr wieder bei der Tourismus Information in Gries. Hier verabschieden uns Volker und Christine herzlich und notieren noch unsere Handynummern für den obligatorischen Fotoaustausch via Messenger. Wir werden wohl auch abseits der Wanderung in Kontakt bleiben, ein paar hochkarätige Bergwanderführer kann man schließlich immer brauchen. Das geführte Bergwanderprogramm der Welcome Card kann man übrigens noch bis 23. Oktober genießen, alle Infos dazu gibt’s hier. Als ich müde und glücklich wieder im Bus nach Innsbruck sitze, glänzen die Gipfel golden in der Abendsonne – zum Wandern lasse ich mich hier nie lange bitten.

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